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Tibet in Sicht
 
 
29. August 2001

Auf dem Morgenspaziergang durch Thamel überraschte mich einer der Ladenbesitzer damit, dass er, obgleich durch den roten Hindupunkt auf der Stirn als solcher erkenntlich, plötzlich eine Mala, eine buddhistische Mantrakette unter dem Hemd hervorholte. Zu verblüfft, mich wie gewohnt abzugrenzen und weiterzugehen, willigte ich ein, mich in seinen Lagerräumen umzusehen. Nicht, dass ich etwa verstand, welchen Nutzen er aus meinem Besuch ziehen könnte, er aber schien überzeugt davon, dass ein Kontakt nach Deutschland, und beruhte er nur auf dem Austausch unserer Visitenkarten, ihm unternehmerisches Glück verhieße. Wer wollte denn ausschließen, dass ich nicht doch noch an etwas anderem als meiner privaten Reise interessiert wäre? Umgeben von glitzernden Seidenstoffen hockten wir auf hölzernen Schemeln, tranken Tee und betrachteten intensiv die getauschten Visitenkarten. Mit der Entschuldigung, pünktlich zur Puja im Kloster sein zu wollen, entkam ich seinen nicht enden wollenden Erklärungen. Gerade noch rechtzeitig faltete ich mich atemlos in den Lotossitz und gewahrte neben mir jenen Sechsjährigen, der immer so inbrünstig in der Nase bohrte. Heute gab es für jeden der Mönche 50 Rupien, die wir, denn ich wurde mit rührenderweise einbezogen, bekamen das wöchentliche Taschengeld ausgehändigt. Mein Schein verschwand in der Spenden-Box am Eingang, während die Jüngeren kaum mehr stillsitzen konnten, zu verlockend war der Kiosk an der Ecke. Mit dem noch nicht verklungenen letzten Ton der riesigen Radungs und Trommeln rannte die Horde in aller Eile los, um Kaugummis, Gummitierchen, Stifte und Hefte zu kaufen.

Gelassen und froher Stimmung trabte ich ihnen hinterdrein und begegnete einem seltsam rasierten Schaf, das aussah, als trüge es ein Dekolleté mit geöffnetem Reißverschluss. Hinter der Brücke stieß ich auf eine kleine Versammlung, die sich um eine zusammengebrochene Frau scharte. Scheinbar wusste niemand, was zu tun sei, also standen alle nur herum. Die Frau am Boden wimmerte leise.

"Buddhist?" zeigte eine alte Frau aus der Runde neugierig auf meine Mala, die ich um den Hals trug. Es erstaunt mich noch immer, wie oft und wie unkompliziert hier darüber gesprochen wird, welcher Religion man angehört.

Verwundert bin ich ebenfalls und immer aufs Neue, wie plötzlich sich Tag und Nacht hier abwechseln: Gerade ist es noch hell und kaum eine halbe Stunde später ist der Himmel dunkel gekleidet wie zur tiefsten Nacht. Ganz simpel.

Wäre dem nicht so, könnte man die Tageszeit allerdings auch relativ einfach am Angebot der Straßenhändler ablesen. Hatte man eben noch Mühe, den offensiv gepriesenen Tigerbalm abzuwehren, konfrontieren einen schräge Nachtgestalten mit einem hingerauchten: "Smoke, dope?". Den meisten dieser Gesellen sieht man deutlich an, dass sie ihre Ware oft genug selber konsumieren.

29. August 2001, Durbar Square

Wolken umzingeln die Stadt, der Himalaya säumt den Horizont und macht so deutlich, dass wir im Tal mitsamt den hartnäckigen Monsunüberbleibseln festhängen. Flucht ins „Himalaya-Café“, nachdem ich für eine Lektion bei Raja, einem zerlumpten Schuhputzerjungen, 50 Rupien gelöhnt hatte. Ganz zutraulich hatte er sich von hinten angeschlichen, meine Hand ergriffen und gesagt, ich solle ihm doch bitte, bitte Milch kaufen. Ein Ansinnen, das von vielen Straßenkindern in einer Mischung aus Frage- und Befehlston und bei jedem beliebigen Touristen hervorgebracht wird. Bisher hielt genau dieser Tonfall immer davon ab, darauf einzugehen. Rajas Hand aber, seine Rehaugen und wahrscheinlich auch seine Art, in fast perfektem Englisch die Hauptstädte der Welt herunterzubeten, sorgten dafür, dass ich ihm willig ins nächste Geschäft folgte. Geschickt überspielte er den Weg, lenkte mich damit ab, dass ich sein Wissen testen sollte: Und wirklich, von Prag über Warschau bis Pnom Phen wusste er alles richtig zu beantworten. Später wolle er Lehrer werden, betonte Raja stolz, bevor wir den von ihm angesteuerten Tante-Emma-Laden betraten. Selbstbewusst und ohne Zögern orderte der Neunjährige die größte Dose Milchpulver, die der steinalte Verkäufer in seinem Regal hatte. Kein Minenspiel verriet, dass Raja wissen musste, was gleich geschehen würde, wenn ich den Preis erfuhr. 550 Rupien, zeigte der Alte und machte eine undeutbare Grimasse.

Raja führte alles Erdenkliche von seinen kranken Geschwistern bis zu seinem Berufswunsch ins Feld, um mich zum Kauf zu bewegen.

Kein Zweifel, der Alte hinter dem Tresen erlebte ein solches Spektakel nicht zum ersten Mal. Geruhsam holte er, was auch immer ich statt des teuren Milchpulvers vorschlug, aus den Regalen, schrieb die Preise auf einen Zettel und packte es bei Ablehnung wieder zurück. Dann einigten wir uns - für Raja eine scheinbar wenig zufriedenstellende Lösung - auf eine Packung Kekse, für die der Alte kopfschüttelnd 50 Rupien kassierte. Man sollte meinen, eine gute Tat pro Tag sei genug, doch weit gefehlt. Scheinbar mimte ich heute den Kinderfänger von Kathmandu, auf dem Bordstein hockte schon ein weiterer Kandidat; wieder wurde ich an der Hand gepackt und mitgeschleift.

Diesen Jungen kannte ich schon, denn erst vor ein paar Tagen hatte ich ihn erfolgreich abwehren können, als er mich inständig anflehte, doch einmal das Juweliergeschäft seines Onkels zu inspizieren.

Offenbar witterte der Kleine, dass er heute mehr Erfolg und keinen meiner üblichen Abwehrproteste ernten würde. Er krallte seine schmalen, rauhen Finger in meinen Handballen und ließ mich erst los, als ich mich geduldig auf den bereitgestellten Hocker vor der Schmuckvitrine seines Onkels fallen ließ. Dem Geschäftsinhaber, einem rundlichen, fast kahlen Mann im rostbraunen Kaftan mangelte es offenbar an Gespür, wer zum Kunden taugt. Hier scheint es immer nur darauf anzukommen, überhaupt jemanden mit seinen Angeboten behelligen zu können. Auch er steckte mir wichtigtuerisch seine Visitenkarte zu. Er weigerte sich zu bemerken, dass ich seine Klunker gelangweilt beäugte und die Karte widerspruchslos, aber eben auch desinteressiert einsteckte, um dann mit einem freundlichen Namaste den Laden zu verlassen. Sowohl der Juwelier als auch der Junge sandten mir beschwörende Formeln hinterdrein, von denen ich kein Wort verstand und die deshalb auch erfolglos blieben.

Mein "Kindertag" nahm dann obendrein ein bitteres Ende, am Fluss geriet ich in eine Beerdigungszeremonie. Dort beklagte gerade eine siebenköpfige Familie den Tod ihres Kindes, dessen Scheiterhaufen schon entzündet war. Die Männer hoben das orange Leinenbündel von der Größe eines Babys auf den brennenden Holzstoß, Qualm und Gestank stiegen wirbelfömig über dem Ganzen auf, während die Frauen lauthals und herzzerbrechend wehklagten. Wortlose Umarmungen bei den Männern. Nicht weit entfernt, auf dem Brückengeländer oberhalb der Szenerie verfolgten Touristen und Einheimische neugierig das Geschehen, wobei bei einigen die Betonung auf "gierig" liegen muss, aber schließlich stand ich ebenfalls unter den Gaffern.

Faszinierend, abstoßend und mitleiderregend gleichermaßen, und letztendlich habe ich das Gefühl, dieser offensive Umgang mit dem Tod verhilft auch mir zu neuen Einsichten. Hier kann ich mich schlecht entziehen, es trifft, wen es trifft: Gerechtigkeit spielt keine Rolle - das ist hier nicht nur eine hilfreiche Philosophie, sondern Tagesordnung.

Überhaupt bemerke ich gelegentlich, wie sich meine europäische Sichtweise an der Art stört, wie hier alles, Sex ausgenommen, öffentlich gelebt wird: das Kochen, das Sterben, die Streitereien, die Armut, Freundschaften, Verhandlungen, Verkäufe...

Auch Zärtlichkeiten werden unbekümmert ausgetauscht, doch ist hier tabu, was bei uns als normal gilt und umgekehrt: Die Männer können hier sehr wohl Hand in Hand gehen, sich liebevoll umarmen und sogar auf die Wangen küssen. Niemand käme auf die Idee, sie des Schwulseins zu bezichtigen. Ganz und gar undenkbar ist hingegen, dass Männer und Frauen in der Öffentlichkeit enger miteinander umgehen, jeder körperliche Kontakt ist unbedingt zu vermeiden.

29. August 2001, abends

Warten auf das Visum für Tibet; es wird Zeit, Kathmandu zu verlassen. Vor allem drängt es mich, endlich die Reise in das Land anzutreten, um dessentwillen ich überhaupt losgeflogen bin: Tibet.

Nachdem ich in einer Mail von einer Freundin gefragt wurde: Wie sind eigentlich nepalesische Filme? – beschloss ich, genau das in den verbleibenden Stunden herauszufinden.

Vor dem Kino warteten ungefähr dreißig Leute, Familien mit kleinen Kindern, Großmütter, Jugendliche. Der Eintrittspreis von 40 Rupien muss für die meisten eine üppige Summe sein. Zunächst glaubte ich auch, dass der Einlasser mir einen speziellen Touristeneintritt abverlangte, aber einer der Umstehenden versicherte mir, dass auch er soviel zahlen musste. Leider konnte er mir nicht übersetzen, wie der Film hieß. Das Geld lohnte sich jedoch, allein die Werbung bot in ihrer überraschenden Schlicht- und Fremdheit eine Augenweide: Da sah man beispielsweise ein muskelbepacktes Kondom-Zeichenstrichmännchen, das sich zwischen ein sich anhimmelndes, singendes Paar im Wald drängte. Dort ließ es seinen Bizeps spielen. Das wiederum veranlasste die beiden Turteltäubchen, sich singend und mit erhobenem Zeigefinger gegenseitig zu ermahnen, man solle Kondome benutzen. Soweit verstand ich das Ganze sogar ohne Sprachkenntnisse.

Anschließend wurden in ungewohnt langsamer Kameraführung Füllfederhalter, Tütensuppen und Versicherungen beworben. Jedenfalls erschien es mir angenehm ruhig, mir wurde bewusst, wie sehr ich mich an europäische MTV-Schnittgeschwindigkeiten und Clipwechsel angepasst hatte. Neben mir in der Sitzreihe tanzte ein etwa zweijähriges Mädchen zu den verschiedenen Spots, bis sie sich erschrocken auf den Schoß ihres Vaters setzte, als mit Getöse und ohne Vorwarnung der Hauptfilm begann. Mir blieb, da mich der Einlasser irgendwann unsanft hinausbeförderte, weil ich all das mitgefilmt hatte, weder genug Zeit, den Filmtitel herauszufinden, noch worum es in dem Streifen eigentlich ging. Doch konnte ich immerhin soviel verstehen: Ein seltsam pervers wirkender Mann mit riesiger Nase schnüffelt, kaum, dass er eine Frau in Kathmandu besucht, unter ihrem Sofa an den Schuhen herum. Sie schilt ihn für irgendetwas. Zur gleichen Zeit spielen sich in einem nahegelegenen Haus zwei Dramen fast gleichzeitig ab. Der Familienvater liegt - schauspielerisch schlecht gemimt - sterbend im Bett. Die Mutter, eine strahlende Schönheit, entschließt sich, Hilfe zu holen und dafür offenbar eine weite Wanderung auf sich zu nehmen. Während dieser Leidensszene richtet sich die Kamera immer wieder auf die großen braunen Augen des zweifellos hübschen Jungen - Leni Riefenstahl hätte das nicht anders in Szene gesetzt. Als die liebende Ehefrau entschlossen und auftragsbewusst aus dem Haus schreitet, rennt der Junge besinnungslos hinterdrein und wird, das Publikum kreischte laut auf, fast überfahren. Muttermutig-geistesgegenwärtig wirft sich die Frau vor den Truck und rettet ihr Kind. Während dieser lächerlichen, aber dennoch spannenden Szene wich der empörte Kartenabreißer mir nicht von der Seite, bis er mich erfolgreich hinausgeworfen hatte. Ich verstehe nicht, worüber er sich so aufregt, denn er wird ja hoffentlich nicht ernsthaft vermutet haben, ich verkaufte das Mitgeschnittene in Deutschland? Allerdings dankte ich ihm im nachhinein für sein resolutes Engagement, denn eigentlich war höchste Eile geboten, im Reisebüro nach meinem Visum zu fragen. Zunächst wartete eine schreckliche Enttäuschung auf mich: Bei „Tibet-Trekking“ hatte man kein Visum auf meinen Namen, denn die zuständigen Chinesen waren angeblich den ganzen Tag in einem Meeting gewesen. Aber mein Pass lag ihnen doch bereits seit fünf Tagen vor! Man bat mich noch bis 20:00 zu warten. Bange zwei Stunden vergingen, der Reisebüroangestellte fegte beharrlich, unentwegt hustend. Gegen sieben schloss er das Reisebüro und wies mich an, weiter zu warten. Gegen 19:57 endlich und nicht mehr wirklich glaubhaft erwartet stürmte dann tatsächlich ein Bote herein: Meinen Reisepass in einer durchsichtigen Klarsichtfolie balancierend wie eine Geburtstagstorte.

20:00 Uhr ICH HABE DAS VISUM!

Da war es: Das chinesische Visum, das mir die Reise für zehn Tage in die chinesische Provinz Tibet gestatten würde. Säuberlich eingeklebt zwischen dem indischen und dem nepalesischen Einreiseformular. Zur Feier des Tages bestellte ich bei meinem Lieblingsjapaner drei verschiedene Vorspeisen-Gerichte, von denen ich nur ahnen konnte, was man mir servieren würde. Weil man mich hier zu den Stammgästen zählte, sandte der Koch Sushirollen, die großzügig wie Puppenstuben-Wagenräder geformt waren. Amüsiert, vergnügt und außerordentlich guter Dinge zerstückelte ich die Reis-Möhren-Gurkenteilchen in mundgerechte Happen, während auf dem Dach gegenüber nicht isolierte Starkstromkabel zuckten. Von Zeit zu Zeit blitzte das Neon-Werbeschild des Reisebüros, ein einfaches blaues Schild. In serifenloser Typo verkündet ein weißer Schriftzug: TIBET.

29.8., nachts

Vor Aufregung erwache ich wieder und wieder. Dennoch scheint mein Geist aufgeräumt wie ein weihnachtliches Kinderzimmer, Vorfreude pur. Gepackter Rucksack, die Bündel, die ich hier im Hotel zur Aufbewahrung abgeben werde, sind geschnürt. Ich kann mich nicht erinnern, wann mein Herz eines solchen Hochgefühls Herr werden musste. Tibet, Tibet hämmern die Gedanken, jetzt würde ich mit keinem einzigen Menschen auf dieser Welt tauschen wollen.