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From India to Nepal
 
 
Laut Aussagen des Ticketverkäufers würde ich nach ungefähr 15 Stunden an der nepalesischen Grenze sein, also hatte ich mich in Delhi mit zwei Flaschen Wasser und 30.000 Rupien eingedeckt. Mittlerweile sind die Flaschen leer und das Geld drückt zwischen Hosenbund und Bauch, wo ich es versteckt habe. Nicht nur, weil ich vor Dieben Angst habe, sondern auch, weil weder Aus— noch Einfuhr indischer Währung erlaubt sind und ich nicht wissen kann, wann wir die Grenze tatsächlich erreichen. Ich würde also einen der großen Scheine aus meinem sorgsam versteckten Bündel wechseln müssen, mit dem ich dem Jungen zu einer guten Einnahme verhalf, selbst wenn wir uns nach langen Verhandlungen auf 15 Rupien für zwei Flaschen geeinigt hatten. Jedes Mal, wenn ich mein Fenster aufschiebe, schließe ich automatisch das meines Hintermannes, anfangs klemmte ich ihm wohl auch den Arm ein. Ebenso wie meine Nachbarin lässt meine Entschuldigung ihn unbewegt. Er starrt wie alle Männer, ohne, dass ich erraten könnte, was sie denken, emotionslos und direkt in mein Gesicht. Ich bin die einzige Ausländerin zwischen zwei verschleierten Frauen und etwa 45 turbantragenden Männern. Obgleich jeder Reiseführer Frauen davor warnt, komme ich nicht umhin, zurückzuschauen. Dann jedoch wurde unser gegenseitiges Beäugen unterbrochen, weil ein Polizei-Jeep den Bus stoppte. Acht braune Uniformen schoben sich durch den schmalen Gang, mit Stöcken deuteten die Polizisten auf ausgewählte Pakete: Besonders in den hinteren Bänken wurden viele der Kisten, Töpfe, Verschläge aus den Ablagen gehievt und besichtigt. Verschnürte Bündel, die aussehen, als beherbergten sie tote Hühner, wurden auf die Straße geworfen. Ihre Besitzer sprangen gehorsam auf, öffneten alles willig und ohne ein Wort, gegebenenfalls verließen sie den Bus. Stumm ergeben.

Busstop
Seit fünf Stunden sind wir unterwegs, die ganze Zeit saß ich, einen Ellbogen im Fahrtwind, ließ diese fremde Welt an mir vorüberhupen. Wäre da nicht der unvermeidliche Gedanke an eine Pause und an die Toilette, die ich bald brauche, wäre es gar nicht schlimm, nur wage ich auch jetzt nicht auszusteigen, weil ich auch bei dieser Rast nicht weiß, wie lange wir halten. Schon beim letzten Stop vor einer Stunde wagte ich mich nicht von meinem Platz, wusste nicht, wen ich hätte fragen sollen. Ob jemand dem Fahrer Bescheid geben würde, wenn ich fehlte? Und wo sollte ich überhaupt nach einer Toilette suchen? Darüber hinaus beginnt mich der Gedanke zu quälen, woher ich neues Wasser bekomme, wenn nicht aus dem Trinkhahn? Der muss jedoch aus Rücksicht auf meinen europäischen Magen-Darm-Trakt für mich strikt tabu sein. Vorausgesetzt, ich wagte mich jemals hinaus an die verlockenden Stände am Straßenrand? Wie könnte ich? Weder der dicke, gemütliche Busfahrer in seinem schlafanzugähnlichen weißen Kaftan noch die Frau hinter mir sprechen Englisch, und alle anderen starren so eindringlich, dass ich noch immer vermeide, sie anzuschauen, geschweige denn anzusprechen. Es nützt nichts, beim nächsten Halt werde ich es riskieren müssen, das Gepäck unbeaufsichtigt lassen zu müssen...

Nächste Pause
Bisher sprangen, in jedem Ort, den wir anfuhren, Menschen auf das Trittbrett unseres schaukelnden Vehikels. Sie präsentierten ihre Utensilien mit einer Inbrunst, die mich für die Zeit ihrer Anwesenheit von allen Beschwerlichkeiten, der Hitze, dem Durst und dem sturen, stummen Angestarrtwerden ablenkte. Die mich vor allem aber vergessen ließ, dass ich dringend eine Toilette brauchte. Da ist beispielsweise der Mann mit dem monströsen Rahmen: Ein antikes Stück, in dem eine vergilbte Urkunde, eine Art Zertifikat prangt, mit dem er die Wirksamkeit seiner zum Verkauf gepriesenen Salbe in Sachen Glaubwürdigkeit potenzieren will. Die Sprache der Verkäufer ist, egal, was sie anzubieten haben, unglaublich schnell, eindringlich, kommt einer Hypnose gleich. Schlangenartig bewegt der Verkäufer sich auf sein nächstes Opfer zu. Gebannt schaue ich zu, wie er den kränklich-apathischen jungen Mann vor mir verbal einzuwickeln versucht, obwohl der völlig geistesabwesend wirkt. Ungeachtet dessen redet der Mann mit dem Holzrahmen unablässig weiter, die bis zum Rand gefüllte Bauchtasche bewegt sich drohend auf und ab, eine gut gepflegte Hand drückt dem widerwilligen Opfer zwei Tuben Salbe in die Hand. Auch als der Kranke das nun herrenlose Geschenk nur mit Mühe vor dem Zubodenfallen rettet, bleibt die Miene des Zertifikatbesitzers ungerührt. Mein geschwächter Vordermann muss seinen Kopf lange schütteln, bis der Verkäufer – noch immer ohne erkennbares Mienenspiel - endlich seine Ware zurücknimmt. Da hat er bereits sein nächstes Opfer erspäht. Und wirklich, bei jenem ist er erfolgreich: Ein Dicker im Kaftan nimmt gleich fünf Tuben. Sorgfältig zählt er die schmierigen, zerrissenen Geldlappen, bevor er sie dem überglücklichen Verkäufer übergibt. Gleich den hiesigen Gepflogenheiten bleiben mir die sanskritbeschrifteten Ortsschilder unlösbare Rätsel, da ich sie nicht entziffern kann. Sunauli, den Grenzübergang nach Nepal finde ich weder auf meiner Indienkarte noch im Nepal-Reiseführer.