billard in amsterdam  
  l o u n g e
  v a b a n q u e
d a r k r o o m  
  d o c k
  c o n t a c t
  l i n k s
Kathmandu, Nepal
 
 
24. August 2001, Kathmandu, nachts

Hundegebell. Auf der Terrasse sind nur bunte Topfblumen, der Mond hoch oben und ich, die ich vier Tage nach meinem Abflug aus Hamburg in Nepals Hauptstadt gelandet und natürlich krank geworden bin. In Stunde Sechs der Busfahrt hatte ich endlich gewagt, meinen Rucksack (wer sollte ernsthaft 23 Kilo so mir nichts, dir nichts davontragen wollen?) unbeaufsichtigt zu lassen, und hatte mich in höchster Eile auf die Suche nach einem Klo gemacht. Was ich fand, untertraf meine Erwartungen: Zwar war ich asiatische Toiletten ohne Sitzgelegenheit, die nur aus zwei Fußsteigen bestehen, von anderen Reisen gewohnt, aber dass ich zwischen engen, bespritzten, unverputzten Wänden, in flüssigen Durchfallhaufen und natürlich ohne Wasser zum Spülen klarkommen müsste, hatte ich nicht vorhersehen können. Egal, es half nichts.

Bereits beim Betreten des „Restaurants“ - das man sich besser als eine offene Küche, von der Straße nur durch ein gläsernes Regal getrennt, vorstellen muss – hatte man mir klargemacht, dass ich den argusäugigen Beobachtungen der Umstehenden nicht entkäme. Energisch hatten zwei der Männer mich mit unablässig wiederholtem „Sir, Sir“ in die Männertoilette zu dirigieren versucht. Sieh an, soviel englische Sprachkenntnisse waren also doch drin. Skeptisches Grinsen, gemischt mit einem Anflug Erstaunen, war, was ich erntete, als ich mich beeilte, noch zwei Wasserflaschen einzuheimsen, bevor ich meinen sicheren Platz im Bus wieder erklomm.

Nach 23 Stunden Busfahrt schließlich schien meine Verzweiflung ihren Höhepunkt erreicht zu haben - ich glaubte mich verloren in den ärmsten Gegenden Indiens, wähnte mich im falschen Bus, fühlte mich verraten, verkauft, mutterseelenallein - und letzteres war ich ja auch. Was eigentlich nutzte es, dass ich für eine Ostdeutsche relativ vernünftig Englisch sprach? Ohnehin hatte ich doch nie wirklich nach Indien gewollt, quäkte es mir trotzig durch den verwirrten Sinn, mein Ziel war doch immer nur Tibet. Nur auf wen sollte ich wütend sein? Auf die chinesischen Beamten in der Hamburger Botschaft, die mich unfreundlich darauf aufmerksam gemacht hatten, dass es keine Möglichkeit gäbe, einfach so in die „chinesische Provinz Tibet“ zu reisen. Vier Wochen Wartezeit, ein negativer AIDS-Test sowie eine gültige Anmeldung zu einer Pauschal-Gruppen-Tour waren die Mindestanforderungen, hatte man mich wissen lassen. Also hatte ich das Schicksal würfeln lassen, und es ließ mich in Indien starten. Hier war ich nun...

Um sieben Uhr morgens nahte unerwartet Rettung: In einem schmutzigen, sieben Häuser zählenden Kaff stiegen plötzlich vier Europäer ein. Wie ein hungriger Wolf stürzte ich zwei Bänke vorwärts, kaum konnte ich abwarten, ihre, auf spanisch geführte Unterhaltung zu unterbrechen. Glück gehabt: Sie wollten ebenfalls zur Grenze und wie ich hatten sie öffentliche Verkehrsmittel derart über, dass sie sich schnell einverstanden erklärten, gemeinsam nach Alternativen zu suchen, wenn wir erst in Sunauli ankämen.

Dort hatten wir uns nach weiteren eineinhalb Fahrtstunden mit steifen Knochen aus dem Bus geschleppt und uns mit der Tatsache konfrontiert gesehen, dass der Grenzort geteilt und die Visum-Stelle der Nepalesen noch sieben Kilometer entfernt war.

Solche Hindernisse kamen mir nach den vergangenen Stunden vor wie Kleinigkeiten: belebt einzig von der Freude, nicht allein Weiterreisen zu müssen, trieb ich denn auch den barfüßigen Rikschafahrer, der mich für zehn Rupien zum Grenzposten brachte, unnötig schroff an, die anderen beiden quietschenden Gefährte – beladen mit riesigen Rucksäcken und jeweils zwei Spaniern - ja nicht aus den Augen zu lassen. Völlig übertriebene Eile, denn um zu dem Posten zu gelangen, an dem sie ihre Visum kaufen konnten, mussten meine neuen Begleiter auf wackligen Ziegeln balancieren oder circa zehn Meter durch knöcheltiefes Wasser waten, ich holte sie also schnell wieder ein.

"Welcome to Nepal! Your first time? Ein Stempel, ein Winken, das wars. Überall lungerten Menschen, Hunde, Würmer, Kakerlaken herum. Erschöpft bestellte ich irgend etwas zu essen, von dem ich nicht hätte sagen können, ob es eher einem Eiergericht oder gehacktem Fleisch ähnelte. Nach ein paar Bissen gab ich meinen bröselnden Keksreste den Vorzug. Während ich uns Tee besorgte, verhandelten die beiden Spanierinnen mit erstaunlicher Raffinesse mit einigen der umstehenden Nepali. Dann saßen wir auch schon in einem Jeep, der uns direkt nach Kathmandu bringen würde. Angeblich würde die Fahrt fünf bis sechs Stunden dauern, allerdings hatte ich beschlossen, Zeitangaben erst wieder ernst zu nehmen, wenn sie sich einmal bewahrheitet hätten.

In dem Tee, den uns die Frauen bei unserer einzigen Pause in einer Berghütte lachend servieren, vermute ich mindestens fünf gehäufte Löffel Zucker. Und auch sonst wartete Nepal mit seiner süßesten Seite auf: sonnige Täler, der Himalaya in seiner vielfältigen Schönheit und das bequeme Schaukeln des Jeeps. Der Himalaya, faszinierend vielfältig und farbenfroh, legt an den grünweichen Stellen seine Gebirgshaut in Falten wie ein schlafender Bernhardiner.

26. August, Kathmandu

Zum Frühstück gibt es Gingerpulver in schwarzen Tee gebröselt. Langsam erholt mein malträtierter Körper sich von den Nächten, die ich größtenteils auf der Hoteltoilette zubrachte. Noch vor kurzem, bei meiner Abschiedsfeier hatte ich Scherze über meine mangelhafte Reise- und Gesundheitsvorsorge gemacht. Einige meiner Freunde waren regelrecht entsetzt gewesen, als sie hörten, dass ich keinerlei Impfungen vorzuweisen hatte. Eine Freundin, die Indien vor zwanzig Jahren bereist hatte, schwört auf Ingwer als Allheilmittel. Da mir nichts Besseres einfällt, höre ich auf diesen Rat. Von der Übelkeit einmal abgesehen, genieße ich es, auf der sonnenüberfluteten Terrasse meine Ruhe zu haben. Auf zwölf Postkarten schreibe ich, nur, um mir selbst zu beweisen, dass ich wirklich gelandet bin, immer das Gleiche: das Datum und dass ich nach 48-stündiger Reise wahrhaftig in Nepals Hauptstadt sitze. Woher meine Vergiftung rührt, weiß ich nicht, aber der Geschmack von fauligen Eiern, den ich bis in den letzten Winkel meines Innenlebens mit mir herumtrage, ist wenig appetitlich. Letztendlich musste ich sogar auf Schokolade und Cola verzichten, da auch das nicht helfen und bei mir bleiben will. Beruhigend ist, dass ich bis zur gebuchten Tibet-Reise noch ausreichend Zeit habe, mich auszukurieren.

Den lästigen Europäer-Gebrechen zum Trotz versuchte ich, Kathmandu zu entdecken, begab mich mit einem sehr netten Rikscha-Driver nach Swayambhunath, zur größten Stupa Nepals. Aus Sparsamkeitsgründen auf ein Auto zu verzichten, stellte sich rasch als Fehler heraus. Da es oft steil bergan ging, versagte sowohl die rostige Kette als auch die Muskelkraft meines Radtaxis. So blieb mir nichts anderes übrig, als neben dem Gefährt zu Fuß zu gehen. Schön, dass die Einheimischen sich an solchen Kleinigkeiten erfreuen können, ihr Spott folgte mir unverhohlen, aber nicht gehässig. Wahrscheinlich hielten sie mich für eine ziemlich dämliche Touristin, die ihr Geld für einen Spaziergang neben einem schwatzhaften Rikschafahrer im buntbedruckten T-Shirt auf die Straße wirft.

Wenn wir jedoch fuhren, war es sehr angenehm. Golpo, der Fahrer hatte einen schwarzen, löchrigen Schirm aufgespannt, die Kette quietschte beruhigend im Rhythmus seiner Tritte, er erzählte von den 24 Jahren, die er schon als Fahrradtaxifahrer in Kathmandu arbeitet, von seinen vier Söhnen, einer Tochter, seiner Frau, von Touristen, Friends, wie er sagte und davon, dass es seit einiger Zeit nicht mehr so gut laufe mit dem "Business“ in Nepal.