billard in amsterdam  
  l o u n g e
  v a b a n q u e
d a r k r o o m  
  d o c k
  c o n t a c t
  l i n k s
Kathmandu
 
 
Swayambhunath

Am Eingang zu Kathmandus größtem buddhistisch-hinduistischen Tempel traf ich auf Sanziv, oder vielmehr, der 15-Jährige fand mich. Wie all die anderen umherschwirrenden, so genannten Guides, die ich bisher erfolgreich abwimmeln konnte, ist auch er geübt darin, Touristen seine Dienste so lange anzubieten, bis diese entwaffnet aufgeben und bezahlen. Kaum hatte er sich mir vorgestellt, brach auch schon sein Redeschwall über alles, was uns vor die Optik kam, aus: Die Gebetsmühlen, den Affengott Hanuman, die Steine, Inschriften, das Moos - er erklärt alles und ohne Luft zu holen. Klar, dass er irgendwann nach Geld fragen würde. Nicht nur, dass mir die steil ansteigenden Treppen sowie die schwüle, klebrige Monsunluft gehörige Schweißausbrüche verursachten, viel schlimmer waren Sanzivs Sätze, nicht zu stoppen, sie hämmerten in immer gleich stimmbruchschrillen Tonfall gebrochenen Englischs gegen meine Schädelwände. Schließlich gab ich auf, mich seiner Begleitung erwehren zu wollen. Schleppend erklommen wir die Stufen zum Tempeleingang, immer wieder angehalten von winkenden, rufenden tibetischen Frauen: "Lookie, have a look, wait, see!" Sie lachten zauberhaft und priesen kleine silberne Gebetsmühlen, Halbedelsteine, in Stein gravierte Mantren, Halsketten, Ringe an - das ganze Repertoire der - pseudotibetisch-touristisch-buddhistischen - Souvenirs wird dort in Swayambhu bedient. Fiebrig lächelte ich zurück und lehnte dankend ab, bis ich schließlich auf der fünfundachtzigsten Stufe gar nicht mehr reagierte.

Sanziv, der begeistert von "Deutschland, wonderschun" und seinem "Friend in Munich" erzählte, war bitter enttäuscht, als ich ihm kein Eintrittsticket für den Tempelinnenhof bezahlte. Vermutlich war auch der verletzte Gesichtsausdruck gut trainiert, und letztendlich sind die 50 Rupien Trinkgeld, die ich ihm für seine bisherigen Dienste spendierte, sehr großzügig bemessen. Eine Taxifahrt vom zehn Kilometer entfernten Hotel nach Swayambhu kostet ebensoviel.

Noch immer fällt es mir schwer, in anderen Relationen zu rechnen: Der Gedanke, für 50 Dollar drei Tage in einem angenehmen Hotelzimmer leben, Massagen sowie gutes Essen genießen, und von diesen 50 Dollar ebenfalls noch alle Touristenattraktionen der Stadt besichtigen zu können, ist noch immer befremdlich und führt gelegentlich dazu, dass ich die Trinkgelder eins zu eins in deutsche Mark umrechne. Das wiederum ist natürlich fatal und hat mir schon manch verwunderten, aber überglücklichen Gesichtsausdruck eingetragen. Mein Hotelzimmer beispielsweise kostet zehn Mark pro Nacht, der Kurs beläuft sich heute auf sagenhafte 1:34: Es ist also spottbillig für mich im viertärmsten Land der Welt. Kein Wunder, dass wir Touristen so oft angebettelt, ausgetrickst, und manchmal auch bestohlen werden. In solchen Momenten wird mir wieder einmal klar, dass die 1200 Mark für einen Flug nach Indien für mich durchaus erschwinglich sind, während diese Summe für die Menschen hier - einmal bar auf der Hand - kaum vorstellbar ist. Nur konfrontiert mich der Schluss, den die Leute ziehen, nämlich, dass ich unsagbar reich sei, mit lästigen Auseinandersetzungen. So oft bin ich gezwungen, jemandes Betteln abzulehnen, zu erklären, wegzustoßen, barsch zu werden. Mit der Häufigkeit solcher Szenen minimieren sich meine Schuldgefühle jedoch, und als ich Sanziv auf diese relativ unkomplizierte Weise losgeworden bin, gewann Erleichterung die Oberhand. Vor dem riesigen Stupa gelang es mir – umgeben nur von einigen wenigen Mönchen und ein paar herumstromernden Affen, den Ort wahrzunehmen.

Swayambhunath ist laut Reiseführer einer der heiligsten Orte des Kathmandu-Tales. Die Affen interessiert das natürlich nicht, sie tollen herum, klamüsern die Opfergaben, kaum, dass jemand etwas ablegt, geschickt aus den vergitterten Altären, und machen Swayambhus Beinamen "Monkey Temple" alle Ehre. Obwohl die struppigen Gesellen sehr niedlich wirken, halte ich mich in sicherer Entfernung. Einer der Herdenführer, der meine Kamera wohl für das bedrohliche Auge des Feindes hielt, ging beim gestrigen Besuch einer Tempelstätte mit Zischen und ausgefahrenen Krallen auf mich los. Abends in meinem Hotel hatte mir einer der Angestellten lachend und ein wenig stolz seine Bisswunden gezeigt, mit denen er in jeder schmissigen Burschenschaft den Helden den Rang hätte streitig machen können.

Im "Zeitalter der Wahrheit" scheinen die angriffslustigen Tiere noch keine so bedeutende Rolle gespielt zu haben, zumindest ist von ihnen in der Legende um die Entstehung Swayambhus keine Rede. Dafür aber wird die Geschichte Satya Yugas berichtet; der warf am Vollmondtag im März einen Lotussamen vom Berg hinunter. Kaum schlug der Same Triebe, schwamm die aus den Wurzeln in Guhyesvari entstandene Blüte auf dem See und sandte ein überirdisches, blaues Licht hinaus. Davon hörte wiederum der Sikhi Buddha, setzte sich auf einen Hügel und meditierte so lange auf dieses blaue Licht, bis er mit ihm eins wurde. Ein Zeitalter danach, so die Legende, erschien der Bodhisattva Manjushri aus China. Er beobachtete das Licht von Swayambhunath drei Nächte lang und beschloss dann, das Wasser abfließen zu lassen. Mit seinem Schwert teilte er die Berge und noch heute fließt der Bagmati durch die so entstandene Chobarschlucht. Der Lotus aber wurzelte auf dem heutigen Swayambhunath-Hügel und wird als Sinnbild des "Selbstgeborenen Buddha" ("swayam = selbst, bhu = geschaffen, nath = Gott") verehrt. Der Stupa, vor dem ich so glücklich stehe, weil ich hier nicht reden muss, wurde geschaffen, den sagenumwobenen Lotus zu schützen.