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Kathmandu
 
 
In meinem Reiseführer finde ich auch den Hinweis, dass die ältesten Inschriften von 1129 stammen, im 14. Jahrhundert seien dann Moslems eingefallen und hätten die Anlage zerstört. Ich stehe also quasi vor Neubauten: aus dem 15. Jahrhundert, spätestens. Mönche gehen umher, singen, rezitieren ihre Mantras, weiter unten spielen Kinder, das Knattern der Rikschas, Flugzeuglärm. Avalokiteshvara, die Emanation des Buddha Amitabha steht golden und unberührt in einem kleinen Teich, auf dessen Umzäunung ich für eine Weile sitzen bleibe. "Beschaulich" ist so ein Wort, für das ich meinen Großvater früher oft belächelt habe, aber als ich die weißen Stupas, die mattgoldenen Gebetsmühlen und die wunderschönen, farbenfrohen Verzierungen der Mauern im Blick habe, fällt mir auch kein besseres Wort ein.

Abends

Schwächeanfälle, Durchfall, Erbrechen: Ich kann nicht sagen, ob mein Körper sich weigert, die Stadt, die Geräusche und das Durcheinander als normale Alltagsbedingungen zu akzeptieren oder ob es einfach eine natürliche Art der Reinigung, der Ankunft ist. Enttäuscht surfte ich zu Spiegel Online, als ich in meinem digitalen Postfach gerade einmal drei Mails aus Hamburg fand. Vermutlich denken sie daheim, ich könne hier ohnehin nicht ins Netz oder, was sie erleben, wäre langweilig für mich, die ich doch das Abenteuer gewählt hatte. Eine Stunde im Netz kostet mich umgerechnet höchstens achtzig Pfennige, ich kann mich also guten Gewissens mit den Bildern der Webcam vom Hamburger Hafen trösten.

Hotelbalkon, 00:05

Die nächtlichen Geräusche sind eine Attraktion, Vögel kreischen, Hunde, die tagsüber devot durch die Stadt humpeln, entdecken zu dieser Stunde ihre eigentliche Berufung und schimpfen, als sei ihnen der Leibhaftige begegnet. Sie bellen sich die Seele aus dem Leib, was mich bisher nicht störte, da ich ohnehin gezwungen war, die meiste Zeit auf der Toilette zu verbringen. In dem engen, gekachelten Bad lenke ich mich von meinen Gebrechen mit den Vorträgen des Dalai Lama, den "Pfaden des Glücks" ab. Zikaden kann ich auch hören. Der Mond steht dicht, sehr dicht über den farbenfrohen, duftenden Blumentöpfen hier auf meinem Balkonvorsprung und wird sowohl vom vergitterten Fenster meines Zimmers als auch den umliegenden, unbewohnten Räumen und deren Verglasungen gespiegelt.

Zuhause würde ich mich in der gleichen Situation sicher unendlich aufregen über den Lärm. Hier begreife ich, dass es nicht lohnt, sich zu ärgern über Dinge, gegen die ich nichts tun kann. Nun zähle wohl auch ich zu den Asienreisenden, die plötzlich vieles „hinnehmen“ können, loslassen. Europäer und ihre spirituellen Anwandlungen; schaun wir mal, wie weit mein Gleichmut reicht, wenn ich morgen erst wieder in Kathmandus Gewimmel zurechtkommen muss.

26. 8., Kathmandu

Auch wenn die Zeit heftig am Äußeren des früheren Königspalastes nagt, der in der Stadtmitte thront, ist er noch immer eine architektonische Augenweide. Weiß verputzte Hauptgebäude, beflankt von Stelen aus rotbraunem Lehm. All diese etwas verwahrloste Pracht unter einem Dach aus bemoostem Schilf. Ziegen stöbern im Schutt der umliegenden Gebäude nach Essbarem. An den Dachfirsten erregen erotische Holzschnitzereien die Aufmerksamkeit der umherpilgernden Touristen, und auch wenn abbröckelnder Putz an einigen Stellen an eine Hautkrankheit erinnert, wohnt den Details dieser facettenreichen Holzfiguren noch immer eine unglaubliche Schönheit inne.

Stundenlang hocke ich hier oben auf den Stufen der Paläste oder auf der Terrasse eines – wenngleich teuren - Restaurants, von dessen Dach ich das Treiben dort unten gut überschauen kann, ohne direkt involviert zu sein.

Rot bemäntelte Hindugötter, blaubemützte Polizeiwachen, baseballbekappte oder sonnenschutzbetuchte Touristen, gehörnte Abbilder vergangener Epochen, hier oben habe ich alles im Blick und bin umgeben von Gewürzdüften, aber nicht bedroht vom aufwirbelnden Straßenstaub. Genieße es, die farbenfrohen Saris der Frauen zu bewundern. Erstaunlicherweise tragen sie selbst bei der Arbeit außergewöhnlich leuchtende Stoffe, als gingen sie zu einem Fest. Liebste Gewissheit dieser seltsam fremden Tage ist mir jedoch immer aufs Neue die Sonne auf der Haut und der laue Wind, denn anders als in Deutschland muss ich hier nie den Wetterbericht in Anspruch nehmen. Gesetzt, der Monsun hätte Reste seiner nassen Anwesenheit über Kathmandu übrig gelassen, muss doch niemand fürchten, der Regen ginge mit Kälte einher.

Als hätte ich auf dem Durbar Square zuviel des Lobs über Nepals Hauptstadt geschrieben, muss ich später, bei der Suche nach ein wenig Grün eine herbe Schlappe einstecken. Ehrlich gesagt, liebäugelte ich mit dem Gedanken an einen Park, wie ich ihn bislang noch in jeder Stadt gefunden habe. Aus der Ferne sehe ich Kinder im Fluss Bagmati spielen, und sofort gaukele ich mir vor, es gäbe dort auch Gras und einen Flecken, an dem ich Rast machen könne. Doch weit gefehlt, Knochen, Müll, ganze Rinderbeine schimmeln, stinken, morasten vor sich hin. Die Kinder mittendrin, barbäuchig, ins Spiel versunken und lachend. Meine Ekelgrenze ist längst überschritten, zumal ich in meinen Sandalen barfuß und bis zu den Knöcheln im Morast versunken bin. Unter dem verschämten Gelächter der Umstehenden kämpfe ich mich zurück auf die schlammige, aber etwas festere Straße des Slumviertels. Ein völlig verrotteter und trotzdem erstaunlich fahrtüchtiger Toyota, ein im Schlamm rüffelndes Schwein und der umgefallene Rest eines Zaunes versperren mir den Weg. Der Fahrer des Wagens hupt wie wild, das Schwein rüsselt ungerührt vor sich im Boden, bis ich mich schließlich entnervt zwischen beiden Parteien hindurchzwänge.

Nachts

Wie in den vergangenen Nächten auch, lese ich im Badezimmer. Die "Pfade des Glücks" sind sehr tröstlich in Zeiten wie diesen. Es regnet in Strömen.