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Kathmandu
 
 
28.8., noch immer „Green Guest House“

Die meisten Häuser rund ums Hotel müssen wegen ihrer verarmten Besitzer oder Bewohner mit verrußten Dächern und bröckelndem Putz auskommen. Doch egal wie heruntergwirtschaftet sie sind, auf keinem fehlt die riesige Satellitenschüssel, chromblitzend und unübersehbar. Hier im Touristenviertel Thamel lösen der ansteigende Straßenlärm und nicht zu ignorierendes Husten ringsum die bis morgens fünf Uhr kläffenden Hunde ab. Dazugelernt habe ich, dass ich die Hauptwege hastig bis zum schützenden Frühstücksrestaurant im Innenhof einer Nebenstraße entlang eilen muss, weil mich sonst eifrige Besenbesitzer rücksichtslos in ihre Staubwolken einhüllen. Ist man rechtzeitig, also zwischen fünf und sieben Uhr unterwegs, bietet das erwachende Kathmandu seltene Anblicke: Rikschafahrer embryonal in ihren schirmbeohrten Gefährten schlafend. Einer der bereits erwachten Männer puhlt sich in den Ohren, ein anderer richtet ausgiebig, was zwischen den Beinen unbequem zu liegen scheint. Der Nächste schnäuzt lautstark in die hohle Hand und verteilt den Schleim handwedelnd auf die Straße. Grell-Orange fällt der Turban eines Bettlers ins Auge, der aufrecht seines Weges zieht, während einer seiner Mitstreiter weniger farbenfroh und gebückt seinen Weg kreuzt, ihn über irgend etwas aufklärt. Ich verstehe kein Wort, stehe einfach daneben, lausche auf das Stimmgewirr und filme das Theater mit meiner Kamera. Wenn ich meinen Freunden die Videos zeigen werde, was wird sichtbar, erklärbar, verständlich sein?

Manchmal vergesse ich, die Kamera abzuschalten, dann sieht man in den Aufzeichnungen meine Schuhe neben denen der vorübereilenden Nepalesen: wasserfeste Neoprenwanderstiefel neben schlammbesprenkelten, zerrissenen Badelatschen.

Nachmittags

Beim Frisör, in dessen Laden ich kurzentschlossen und ohne rechten Grund eintrat, wurde ich in einen durch einen Vorhang abgetrennten Raum geführt, mein Kopf robust und ohne viel Fragen über ein schmieriges Waschbecken gebeugt, das vor Dreck und Haaren nur so strotzte. Der Mann massierte wortlos meinen Kopf, ich wusste, er war verwundert, konnte aber nicht ausdrücken, was ihn so verstörte. Er massierte mir stattdessen Öl ins trockene Haar und wich, als der Meister persönlich auftauchte, demütig aus. Der Ladenbesitzer sprach immerhin gut genug Englisch, um seinem Erstaunen Ausdruck zu verleihen: "You are a woman?" Bedeutungsvoll ließ er die Schere klappern. "Shorter?" Im Spiegel konnte ich ihn beobachten. Eine Frau mit so kurzen Haaren, und nun wollte sie es noch kürzer. Er traute seinen Augen nicht.

"You're hair is like these..." zeigte er auf ein ausgerissenes Zeitungsfoto von irgendeiner Wüste. Hochgezogene Augenbrauen meinerseits: Nein, ich will es auch nicht färben lassen. Vermutlich war es allein die Aussicht auf die ausgehandelten 600 Rupien, die ihn verstummen ließen. Manchmal weiß ich nicht, ob es um meine Geschlechtsidentität oder nur um den Preis geht.

Amüsiert stellte er - sich einiger englischen Vokabeln erinnernd - fest, dass ich ja gar nicht wie eine Europäerin aussähe, seiner Meinung nach sei meine Haut "too dark". Viele Inderinnen sowie auch einige nepalesische Frauen, so sie wohlhabend genug sind, schmieren sich teure weiße Cremes ins Gesicht, während ich Zuhause Geld für die Sonnenbank ausgebe. Davon erzählte ich besser nichts. Widersprüche dieser Art zu debattieren, scheint mir immer öfter überflüssig.

Schmunzelnd rasierte der Figaro dann auch ohne weitere Diskussion die Höfe um meine Ohren wie bei einem Mönch. Wahrscheinlich war es seine Art, mit unseren gegensätzlichen Frisurwünschen fertig zu werden. Wenn ich schon nicht eindeutig Frau sein wollte, war es doch keine schlechte Idee, mich per klösterlichem Haarschnitt der Religion zu übergeben. Als alles fertig war, beeilte er sich, meinen Kopf über das Becken zu drücken und wild drauf los zu massieren. "You like the nepali massage?" Mein voreiliges "Yes" bezahlte ich – weitere Lektion - mit zusätzlichen 120 Rupien, denn auch die Diskussionen um nicht vereinbarte Leistungen, bin ich so leid. Wir beendeten den Disput mit einem freundlichen "Namaste". Ich schaffte es sogar, bei dieser nepalesischen Verabschiedungsfloskel meine Hände aneinander gefaltet in seine Richtung zu erheben und gönnte ihm, dass er wahrscheinlich an diesem Tag seinen sonstigen Wochenverdienst getoppt haben würde.

Zurück auf der Straße entdeckte ich weiße, verblichen-gelbe, ja sogar blass-blaue Gebisse, die stolz in gläsernen Laden-Vitrinen präsentiert werden. Hinter deren Tresen entdecke ich immer gleich gelangweilt- aussehende Besitzer, und bisher habe ich nie auch nur einen Kunden entdecken können in diesen Family Dentist Centern.

Kids hüpften mir auf einer der fünf Hauptstraßen entgegen, in die ich einbog, um einfach herumzuschlendern und mich nicht zu verlaufen. Ihre Schuluniformen, egal, ob weiß, blau oder grau, sind auf jeden Fall immer akkurat gebügelt und scheinbar unangetastet vom Staub. Wie sie das schaffen, ist mir rätselhaft. Mich jeden Tag aufs Neue zu erschrecken, das gelingt auch den Zeitungsjungen, wenn sie dicht hinter mir und in eigenartiger Betonung plötzlich lauthals loslegen, um ihre Neuigkeiten, von denen ich keine Silbe verstehe, zu verkünden. Wie oft schon dachte ich, es wäre ein Krieg ausgebrochen.

Vertrauen, dass Kathmandu nicht allein vom Chaos regiert wird, fasse ich dann doch wieder in den Begegnungen. Wie zum Beispiel jener, bei der mir der bestürzte Besitzer eines Textilgeschäftes nachlief. Es wäre unmöglich, dass ich für den Katta, einen weißen Seidenschal, der oft als Geschenk überreicht wird, 100 Rupien bezahlte. Aber genau diesen Preis hatte ich doch mit seinem Neffen vereinbart? Irritiert fand ich nach einigem Hin- und Her heraus, dass er um seinen guten Ruf fürchtete, wenn er mir den Katta derart überteuert überließe. Dabei war ich doch stolz gewesen, den Schal von geforderten 180 auf 100 Rupien heruntergehandelt zu haben. Nun bekam ich unaufgefordert 50 Rupien und das Gefühl zurück, dass nicht jeder in dieser Stadt darauf aus ist, mich zu betrügen, nur weil ich Ausländerin bin.

Abends

Keine einzige Mail aus Deutschland! Wieder einmal komme ich nicht umhin, enttäuscht zu sein. Natürlich erinnere ich mich, wie das Leben dort in den Büros, und jenes nach Feierabend von anderen Dingen bestimmt wird, und von den meisten dort drüben weiß ich sogar, in welchem Trubel sie gerade stecken.

Ein unglaublicher Sternenhimmel und die, nur von Hundegebell und entfernten Hupen unterbrochene Ruhe sowie der ungestörte Platz auf meiner Hotelterrasse entschädigen mich. Nichts, was mich Heimweh spüren ließe...