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Kathmandu
 
 
Auf dem Rückweg nach Thamel blieb ich für eine Weile am Brückengeländer stehen, starrte dem Regen hinterdrein, hinunter auf all den Müll, auf das schleimige, schlammige, verdreckte Grau. Slums säumen das Flussufer, laut Reiseführer siedeln hier Inder aus Rajasthan und Binar. Tag für Tag bieten ein paar von ihnen ihre armselige Habe auf der Brücke feil: Schuhcreme - uralt und vertrocknet. Kämme aus pinkfarbenem Plastik, Haarspangen aus verbogenem Aluminium, Stifte, denen man sofort ansieht, dass sie bereits schon mehrere Vorbesitzer hatten. Nachmittags, wenn ich von der Puja zurückkehre, preisen die Händler ihre Waren weniger mit der Stimme denn mit ihren stumpfen Blicken an, und ich kann um diese Zeit unbehelligt herumstehen und schauen.

Unbemerkt von dem bettelnden Krüppel, der sich sonst wie ein Affe auf seinen Vorderarmen zwischen dem bluttriefenden Butcherdesk und der Vitrine mit den Gebissen hin und her hievt, habe ich heute zum ersten Mal ohne Hilfe zurück ins Hotel gefunden. Ohne Vorwarnung wütete plötzlich ein heftiger Regen, gewann in seinem heftigen, peitschendem Getöse sogar gegen den der Stadt innewohnenden Lärm und schaffte es, dass HundKatzeMaus und Mensch schlagartig flüchteten. Schlamm verwandelte, was bisher Straße war, in glitschige, zerfurchte Schluchten.

Solche wasserreichen Zwischenfälle stellen hier nichts Besonderes dar, es gibt deshalb keine Sondersendungen im Fernsehen. Dank der Internetcafes, die einem alle paar Meter einladend entgegenblinken, muss ich noch nicht einmal in die Langeweile, sondern nur ins Trockene fliehen.

"Andere haben auch noch etwas anderes zu tun, als durch die Weltgeschichte zu reisen!" Auf Vorwürfe dieser Art war ich nicht gefasst. Verblüfft und verärgert kämpfte ich mit den Tränen und der verdreckten Computermaus, bevor ich auf die Mail meiner besten Freundin antwortete. Scheinbar hatte sie meine letzten zwei Mails als Vorwürfe aufgefasst, weil ich meiner Sorge Ausdruck verliehen hatte, dass sie so gar nichts von sich hören ließ. Der Cursor rutschte quer über den Bildschirm und es kostete mich viel Zeit ihn zu steuern. Ärger kam mir gerade recht, und als der Ladenbesitzer nach mir sah, grummelte ich gehörig herum, ließ meine Wut an dem armen Kerl ab. Soviel zum Thema Gelassenheit und den "Pfaden des Glücks".

Sobald der Regenguss endete, schlappte ich zum zweiten Mal und mit wunden Füßen zum Royal Palace: wieder umsonst! Keiner der Soldaten machte Anstalten, mich einzulassen. Anders als der Himmel, der sich einfach wieder aufheiterte, als habe es nie einen Wolkenbruch gegeben, schienen die Wachen am Eingang ihre Gesichter in unveränderliche Anspannung und Härte gegossen zu haben. Selbst, als ich meinen Journalistenausweis zücke, rührt sich nichts im Antlitz meines Gegenübers. Der Mord an der Königsfamilie, über den hier niemand richtig reden will, liegt gerade eineinhalb Monate zurück. Und deutlich ist das Unbehagen zu spüren, kaum dass doch jemand sich auf ein kurzes Statement einlässt. Fast in jedem Laden ist die ermordete Königsfamilie vertreten: als Bildschirmhintergrund auf dem Computer, an den Wänden, auf Kopfkissenstickereien.

Der Königsmord

Der 1. Juni 2001 war ein Freitag. Kein gewöhnlicher jedoch, wie sich beim wöchentlichen Familienessen im Palast herausstellen sollte. Denn dieses Treffen endete mit einem furchtbaren Massaker, bei dem König Birendra und Königin Aishiwarya ermordet wurden. Da es lange keine offizielle Verlautbarung zu den Vorfällen gab, überschlugen sich die Gerüchte in Kathmandu und bald auch im Land. Immer wieder gab es Mutmaßungen, Kronprinz Dipendra, der sich nach dem Mord selbst erschossen haben sollte, sei der Täter. An diesem 1. Juni hatte man zunächst neun Tote zu beklagen, darunter auch die drei Kinder des Königspaares.

Schließlich hatte ein Verwandter des Königs sich zu einer Erklärung durchgerungen, bei der es hieß, Dipendra habe das Familientreffen kurz verlassen und sei mit einer automatischen Waffe zurückgekehrt, er habe ohne zu zögern das Feuer auf die Anwesenden eröffnet. Anlass für das Drama sei gewesen, dass König Birendra eine Frau für den Thronfolger bestimmt habe, obwohl jener seine Freundin zu heiraten gedachte. Anderen Quellen zufolge hätten politische Differenzen zwischen dem Thronfolger und seinem Vater Anlass zum Streit gegeben.

Überraschenderweise rief der Staatsrat am folgenden Tag den bereits tot geglaubten Dipendra zum neuen König aus, obwohl jener aufgrund seiner schweren Verletzungen im Koma lag und nicht sicher war, ob er der Täter sei. Angesichts dieser verwirrenden Situation und den mehreren hundert Demonstranten in Kathmandu, die Aufklärung verlangten, griff man nun schleunigst auf Gyanendra, einen der jüngeren Brüder des ermordeten Königs zurück. Der bei dem Familientreffen abwesende Gyanendra wurde offiziell als vorläufiger Regent eingesetzt.

Die indische Zeitung "Hindustan Times" berichtete, die Freundin Dipendras, Deryani Rana, eine Angehörige der indisch-nepalesischen Adelsfamilie, hätte sich nach Indien abgesetzt.

Noch bis zum 3. Juni hielten die nepalesischen Medien an der Attentäterversion fest, dann kam es zu einer ersten offiziellen Mitteilung des neuen Regenten. Gyanendra vermied es, den Begriff "Unfall" direkt zu verwenden, doch ließ seine Version keine andere Deutung zu. Doch fand sich verständlicherweise nach all dem Hin und Her in der Bevölkerung kaum jemand, der einer solchen Version Glauben schenkte. Gerüchte köchelten auch über den Zustand des Thronfolgers, der von den Ärzten als "sehr kritisch" beschrieben wurde. Von Tag zu Tag mehrten sich Stimmen, die wissen wollten, dass Dipendra bereits klinisch tot sei und nur künstlich am Leben gehalten werde.

Militante Maoisten, die seit Jahren mit terroristischen Anschlägen versuchten, auf sich aufmerksam zu machen, nutzten den Anschlag für ihre Propaganda: In verschiedenen nepalesischen Zeitungen veröffentlichten sie Lobreden auf den ermordeten König, er sei "patriotisch" und "liberal" gewesen, das Massaker hätten konservative Kräfte zu verantworten. Gern hätte man von kommunistischer Seite den Mord der Regierung unter Ministerpräsident Koiraia in die Schuhe geschoben.

Zwei Tage ließ der Staatsrat verstreichen, bevor man sich am 4. Juni dazu durchrang, den Tod Dipendras offiziell bekannt zu geben. Kurz darauf erlag auch der jüngere Bruder des Königs seinen Verletzungen. Wegen der anhaltenden Proteste wurde eine Ausgangssperre verhängt, dennoch konnte man nicht verhindern, dass mehrere Demonstranten bei Ausschreitungen und Straßenschlachten ums Leben kamen. Gyanendra, der Interimskönig, versprach Aufklärung durch eine Untersuchungskommission und verzichtete darauf, seinen Sohn Paras zum Thronfolger auszurufen.