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Kathmandu
 
 
In Nepals Hauptstadt und einigen Teilen des Landes brodelte die Empörung jedoch bereits zu hoch, das Vertrauen in die verbliebene monarchische Spitze schwand drastisch. Am 5. Juni meldete die "Kathmandu Post" 540 Festnahmen, in Kathmandu und Birtamod im Osten des Landes waren 25 Menschen durch Schüsse verletzt worden.

Dennoch taktierte die Regierung weiter, indem sie am 11. Juni die Frist für den eingesetzten Untersuchungsausschuss verlängerte. Inzwischen veröffentlichten die nepalesischen Medien ein Gutachten, dem zufolge Dipendra unter dem Einfluss von Drogen und Alkohol gestanden haben soll. Im Staatsrat stritt man unterdessen um dessen Ernennung zum König. Obgleich sich die Mehrheit im Staatsrat eindeutig gegen seine Ausrufung zum König aussprach und ihn für den Täter hielt, sah man andrerseits kaum eine juristische Alternative, ihm die Krone zu verweigern. Bis zum 14. Juni musste das ungeduldige Volk warten, dann erklärte die Untersuchungskommission Dipendra für schuldig. Dieses Ermittlungsergebnis fand bei lediglich 40 Prozent der Bevölkerung Zustimmung und Glauben.

Zu viele offene Fragen blieben unbeantwortet. Unklar blieb beispielsweise das Motiv für seinen Amoklauf. Auch klärte der Bericht der Untersuchungskommission nicht, warum kein Leibwächter eingegriffen oder weshalb der Thronfolger Sturmgewehre in seinem Zimmer aufbewahrt hatte. Vor allem aber gab der versuchte Selbstmord Dipendras Rätsel auf; denn der Sohn des Königs war Rechtshänder, doch die drei Kopfschüsse erfolgten von links. Und wie kann man nach dem ersten Kopfschuss noch zweimal abdrücken? Hatte König Birendra tatsächlich versucht, sich mit einer Waffe zu wehren? Sollte man der Aussage von Mao-Rebellenchef Pushpakamal Dahal glauben, der behauptete, Birendra habe ein baldiges direktes Treffen mit den Aufständischen gewünscht? Die maoistische KPN hielt an ihrem Standpunkt fest, nicht Dipendra habe seine Familienangehörigen ermordet, vielmehr handele es sich um eine politische Verschwörung. Aus der königstreuen Rashtriya Prajatantra Party hieß es stattdessen: "Im Interesse Nepals haben wir keine andere Wahl, als dem Bericht zu glauben. Ansonsten würde das Land in Chaos und Anarchie versinken."

28. August

Niemand hier möchte über das reden, was geschehen ist, immer wieder bekomme ich zu hören, es wäre nicht gut, weil die Touristen ohnehin Angst hätten, nach Nepal zu kommen. Das sei schlimmer als alles, was ohnehin nicht mehr ungeschehen gemacht werden könne. Der Hotelmanager, mit dem ich gelegentlich abends noch auf einen Tee vor dem immer laufenden Fernseher hocke, deutet an, dass die Chinesen hinter dem Mordkomplott stecken würden. "Unser König war nicht chinafreundlich genug, deshalb musste er sterben." Trotzig fügt er hinzu: "Nun hat Nepal keinen König mehr!"

Aber hier im Hotel seien sie froh, dass es wenigstens keine Unruhen mehr gäbe, denn letzten Endes litten die Geschäftsleute unter den Tumulten. Es sei schwer genug, denn die Gerüchte, in den nächsten Tagen habe Kathmandu mit einer Demonstration von circa 800 000 Maoisten zu rechnen, häuften sich. „Was soll schon passieren?“ zuckt der Manager resignierend die Schultern. „Wir werden ihnen die geforderten Zimmer zur Verfügung stellen und beten, dass alles ruhig vorübergeht.“

Immer öfter hörte ich Touristen in den letzten Tagen darüber debattieren, ob sie die Stadt wegen der befürchteten Unruhen früher verlassen sollten. Ich weiß nicht, was ich davon halten soll, die Informationen im Fernsehen sind für mich undurchsichtig, zumal ich mich auf die Übersetzungen des Managers verlassen muss und der Rest der Welt scheint nicht übermäßig an den Vorgängen interessiert zu sein. Was ich im Netz finde – auf den Seiten des Auswärtigen Amtes steht nur eine lapidare Warnung vor möglichen Ausschreitungen - ist zu spärlich, um Entscheidungen fällen zu können.

Abends

Im "Beer-Garden", einem relativ teuren Gartenrestaurant gleich neben meinem Hotel gönnte ich mir einen Teller Mo-Mo’s, eine tibetische Spezialität, am ehesten vergleichbar vielleicht mit gefüllten Maultaschen. Kaum, dass die beiden bekifften Kanadier ihren Platz am Tisch räumten, rückte eine gut betuchte Gruppe Nepalesen nach, die mich ohne Zögern in ihr Gespräch einbezogen, und mich schließlich sogar ausdrücklich baten, doch von jedem ihrer Teller zu probieren. Innerhalb weniger Minuten hatte ich einen Happen Hühnchen, scharf und grün gewürzt, eine Art rotes Reisbällchen, ohne konkreten Geschmack sowie ein Stück gelblicher Pastete unverständlichen Namens im Mund. Tapfer schluckte ich alles, während die Frau, Direktorin einer Privatschule, mich über Deutschland ausfragte. Enttäuscht musste sie feststellen, dass ich weder Ahnung von Fußball habe, geschweige denn, dass ich mich in München gut genug auskenne, um ihre Neugier zu befriedigen. Als ich schließlich nicht einmal die Preise für Kosmetika zu sagen wusste, gab sie auf. Bereitwillig und weiterhin freundlich stellte sie mir ihren Cousin, einen offenbar in Nepal außerordentlich populären Popsänger vor. Man nötigte den Kellner, eine mitgebrachte Kassette einzulegen und so bekam ich über die Restaurantlautsprecher den Beweis: Der Mann war ein Talent. Als auch der Dritte im Bunde, der mir als bekannter Nachrichtensprecher eines nepalesischen Senders vorgestellt wurde, in den melodisch-orientalischen Gesang einfiel, staunte ich nicht schlecht. Noch nie hatte ich erlebt, dass Männer so zartfühlend sein konnten, sich von den Liebesliedtexten berühren ließen und obendrein wirklich gut singen konnten.

Sie habe gehört, fragte meine gutgekleidete Gastgeberin nach, dass auf dem Oktoberfest in München auch viel gesungen werde, ihr Bruder sei dort gewesen. Nun, ehrlich gesagt, wich ich aus, ließe sich Deutschland nur schwer mit Nepal vergleichen.

Während ich noch darüber sinnierte, wie ich ihr plausibel die Unterschiede zwischen beiden Kulturen erklären könne, reichte Mr. Anchorman-Nepaltagesschau eine große Flasche Jim Beam, der er zuvor die drei dicken Whisky-Gläser bis zum Anschlag gefüllt hatte und war entsetzt, dass ich weder rauchte noch trank. Als die Gläser zum vierten Mal geleert waren, verabschiedete ich mich, nicht ohne vorher ausführlich für den unterhaltsamen, lehrreichen Abend gedankt zu haben.